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„Unsere Kinder können sich nicht selber schützen“

Wie die Corona-Krise das Kinderhospiz "Joshua" verändert

Als Sandra Ecke die Dienstbesprechung im Kinderhospiz "Joshua" in Wilhelmshaven verlässt, gleitet ihr Blick über die Desinfektionsmittel im Eingangsbereich des Hauses. Dort werden Besucher*innen in diesen Zeiten erst nach dem Klingeln an der Haustür persönlich ins Haus gelassen, Personen mit Symptomen einer Atemwegserkrankung oder Fieber erhalten keinen Zutritt. Hausführungen finden bis auf weiteres gar nicht mehr statt. Alles Maßnahmen, um Infektionsketten zu unterbrechen und alle im Haus zu schützen sowie die medizinische und pflegerische Versorgung sicherzustellen. Die 40-jährige Hospizleiterin weiß, wie sehr die Corona­Krise auch das Kinderhospiz verändert.

Weit über 40.000 Kinder in Deutschland sind lebensverkürzend erkrankt - und gehören deshalb zur Hochrisikogruppe, die eine Infektion mit dem neuartigen Virus wohl nicht überleben würde. "Unsere Kinder können sich nicht selber schützen. Deshalb nehmen wir im Kinderhospiz "Joshua" die Verantwortung für die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit entsprechenden Erkrankung sowie deren Familien sehr ernst", so Ecke. Was aber tun, wenn für die Versorgung schwerkranker Kinder Desinfektionsmittel, Schutzkleidung oder Atemschutzmasken nicht zur Verfügung stehen?

Dem Mangel begegnen

In den deutschen Kinderhospizen sieht es nicht weniger dramatisch aus wie auf den Intensivstationen deutscher Krankenhäuser, berichtet der Bundesverband Kinderhospiz e.V. Da blieb Eckes Kolleginnen nur die Chance, aus der Not eine Tugend zu machen: So packten sie in Zeiten knapper und überteuerter Atemschutzmasken kurzerhand die Nähmaschinen aus. Nähten Masken selber. "Professionelle FFP Masken fehlen zwar weiterhin, aber unsere wundervollen fleißigen Mitarbeitenden haben genug Vorrat geschaffen und für diesen Extra-Einsatz ein großes Lob verdient", blickt Sandra Ecke voller Stolz auf ihr Team.

Teamgeist ist der 40-jährigen Hospizleiterin alles andere als fremd, absolvierte sie doch als eine der ersten Frauen in Uniform eine militärische Laufbahn beim Stabsdienst bei der Bundeswehr. Nach erfolgreichen 8 Jahren und einer weiteren Ausbildung zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin zog es sie 2014 ins Kinderhospiz "Joshua", wo sie 2015 die Stelle als Pflegedienstleitung übernahm. Rund 900 Kinder hat sie mit ihrem Team seitdem begleitet. Die Kinder kommen oft mehrfach zur Entlastung der Familien ins Hospiz. Auch hier im Kinderhospiz müssten Kinder beatmet werden, informiert die auch für Qualitätssicherung zuständige Hospizleiterin über anspruchsvolle Pflegeleistungen der Wilhelmshavener Einrichtung.

Besondere Herausforderungen

Augenblicklich muss Sandra Ecke täglich neue Entscheidungen treffen und auch Ausfälle von Mitarbeitenden verkraften. Sie führt Gespräche mit Familien, bespricht deren Ängste und Sorgen im Team. Einen Schwerpunkt bildet dabei auch die Sondierung der wirtschaftlichen Lage.

Spendengelder unverzichtbar

Den Hospizgästen und ihren Zugehörigen entstehen für den Aufenthalt keine Kosten: 95 Prozent der Kosten für das erkrankte Kind übernehmen die Kostenträger. Die restlichen fünf Prozent aus Spenden aufzubringen hat sich ein Förderverein zur Aufgabe gemacht. Die Kosten für Aufenthalt, Unterbringung und Begleitung der Zugehörigen schwerkranker Kinder muss die mission:lebenshaus gGmbH als Trägergesellschaft des Kinderhospizes komplett über Spenden finanzieren. Insgesamt müssen ca. 50 Prozent der Gesamtkosten aus Spenden finanziert werden. "Wir sind auch in dieser Ausnahmesituation weiterhin zusätzlich damit belastet, erhebliche Summen an Spendengeldern einwerben zu müssen, damit unser Haus nicht auch in schwere See gerät", beschreibt Ecke die aktuelle Herausforderung.

Ohne Ehrenamtliche

Als unverzichtbare Stütze im Kinderhospiz "Joshua" gelten die zahlreichen ehrenamtlich Mitarbeitenden. Allerdings sind viele von ihnen über 60 Jahre alt und können deshalb aus Selbstschutz ihren Dienst derzeit nicht antreten. "Viele von ihnen stehen aber weiterhin mit uns über Mail und Telefon in Verbindung und sind sehr traurig, nicht zu uns ins Haus kommen zu können", weiß Ecke.

Weiterhin erreichbar

Familien und ihre schwerkranken Kinder werden weiterhin im Kinderhospiz aufgenommen. Auch am Telefon sei man erreichbar, helfe gerne weiter und unterstütze bei Fragen und Problemen, versichert Ecke. "Das ist für uns alle eine besondere Situation, weil wir als Pflegepersonal genauso wie die Familien die besondere familiäre Atmosphäre im Haus sehr schätzen, sie aber nicht mehr uneingeschränkt leben können", sagt sie mit Blick auf den Eingangsbereich. Die Hospizleiterin ist wieder auf dem Weg ins Dienstzimmer zur nächsten Teambesprechung, wo Corona weiter Thema sein wird, aber auch wundervolle Mitarbeiter*innen auf sie warten.